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7 Fragen an eine Beckenboden-Therapeutin

Ein Interview mit Nina Gärtner-Tschacher

Der Beckenboden –

was er leistet und wann es ihm zu viel wird!


Wie so vieles in unserem Körper ist auch der Beckenboden ein wahres Wunderwerk. Jeden Tag ist er unermüdlich im Einsatz, hält unsere inneren Organe an Ort und Stelle, federt sie ab und ernährt sie, unterstützt unsere aufrechte Haltung maßgeblich, verschließt und öffnet unsere Körperöffnungen – je nach Bedarf.

Doch trotz dieser enormen Leistung schenken wir ihm im Alltag wenig bis keine Aufmerksamkeit. Er ist halt da. Er tut seine Arbeit. Im Verborgenen.

Bis er irgendwann selbst auf sich aufmerksam macht, leider oftmals weniger positiv. Eine starke Belastung über einen längeren Zeitraum, eine Operation oder ein Ereignis wie etwa die Geburt eines Kindes verlangen dem Beckenboden und seinen umliegenden Strukturen viel ab.


Wer sich dann nicht aktiv um Erholung bzw. Wiederaufbau der Beckenbodenkraft bemüht, der riskiert…Ja, was eigentlich?


Die Physiotherapeutin spricht aus langjähriger Erfahrung


Das weiß Nina Gärtner-Tschacher zu genau. Sie ist seit 1997 Physiotherapeutin und arbeitet derzeit am Universitätsklinikum – Zentrum für Physiotherapie (UZP) in Tübingen. An der University of South Australia, Adelaide, erlangte sie den Master of Physiotherapy (Manipulative Physiotherapy ) und verbindet seither ihre praktische Arbeit mit evidenzbasierter Physiotherapie. Im UZP hat sie sich auf urologische, urogynäkologische und proktologische Patient:innen spezialisiert. Etwas salopp formuliert: Sie ist Expertin für alle „Systeme“, die mit den Körperöffnungen After, Scheide und Harnröhre zusammenhängen sowie deren umgebende Strukturen. Der Beckenboden spielt hierbei die zentrale Rolle!


Erkenntnisse aus der Therapie zu Nutze machen


Nina Gärtner-Tschacher behandelt als Therapeutin also genau jene Beschwerden, denen ich, speziell bei Mamas, mithilfe meiner krankenkassenzertifizierten Präventionskurse vorbeugen möchte. Mir war schnell klar, dass dieser Perspektivwechsel für meine Kursteilnehmerinnen und alle (werdenden) Mamas sehr hilfreich und informativ sein würde. Deshalb bat ich um ein Gespräch mit der Expertin, die inzwischen auch als Referentin innerhalb der anerkannten Physio Pelvica Kursreihe eingesetzt wird.


Im Interview befragte ich sie zu verschiedenen Themen, die vorrangig für (frischgebackene) Mamas von Interesse sind. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass generell nur Mamas von Beschwerden rund um den Beckenboden betroffen sind. Es gibt Patient:innen aller Altersgruppen und Geschlechter mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Beispielhaft sei das „Tübinger Beckenbodenkonzept“ erwähnt, welches sich genau aus dieser Tatsache heraus entwickelte und neben Wöchnerinnen auch andere Betroffene berücksichtigt.



Hier also nun meine 7 Fragen sowie die spannenden Antworten, hilfreichen Tipps und wichtigen Informationen der therapeutischen Fachfrau:


  1. Welchen Fehler sollten Mamas nach der Geburt unbedingt vermeiden?

  2. Welche Beschwerden kommen am häufigsten vor?

  3. Wann sollten Mamas eine:n Therapeut:in aufsuchen und wo ist diese:r zu finden

  4. Was ist beim Beckenbodentraining zu beachten?

  5. Wann sollen Mamas mit dem Beckenbodentraining beginnen?

  6. Kommt man mit smarten bzw. digitalen Trainingshilfen für zuhause auch zum gewünschten Erfolg?

  7. Ist Beckenbodentraining dann ein lebenslanger Begleiter?


1. Welche Fehler sollten Mamas nach der Geburt unbedingt vermeiden?

„Zu früh zu viel Belastung!“, antwortet Nina Gärtner-Tschacher kurz und präzise. Sie erinnert nochmals eindringlich an die enormen Belastungen, denen der Beckenboden bereits durch die Schwangerschaft und die Geburt ausgesetzt war. Im Falle von Geburtsverletzungen oder anderen Komplikationen kann sich die Situation weiter verschärfen.

Ein wichtiger Hinweis der Expertin: „Es gibt aber nicht DIE eine Empfehlung, die für jede Frau gilt. Es spielen einfach sehr viele, individuelle Faktoren eine Rolle. Aus meiner Erfahrung kann eine auf den Beckenboden spezialisierte Fachkraft vor Ort der frischgebackenen Mama am besten weiterhelfen und entsprechende Empfehlungen aussprechen.“


2. Welche Beschwerden kommen am häufigsten vor?

Es gibt zwei Arten von Beschwerden, die sehr oft vorkommen. Die Therapeutin erläutert: „40-60% aller Frauen entwickeln – lebenslang betrachtet - Senkungsbeschwerden, 30-50% eine Form der Inkontinenz. Mit zunehmendem Alter bzw. rund um die Menopause werden die Beschwerden häufiger beziehungsweise stärker. Das liegt unter anderem daran, dass das Bindegewebe einfach schwächer wird.“


3. Wann sollten Mamas eine:n Therapeut:in aufsuchen und wo ist diese:r zu finden?

Nina Gärtner-Tschacher: „Ich finde es problematisch, dass Frauen leider immer noch gesagt wird, es sei – gerade nach einer Geburt – „normal“, bestimmte Symptome zu entwickeln, mit denen sie dann leben müssen. Aber man kann unglaublich viel tun! Und je früher, desto besser!“

Es gibt viele unterschiedliche Symptome, so die Expertin, bei denen eine Mama hellhörig werden sollte. Diese sind etwa Beckenschmerzen, Urinverlust, ein Fremdkörpergefühl, „Druck nach unten“ oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Bei einem (höhergradigen) Dammriss empfiehlt es sich ebenfalls, direkt nach der Geburt eine:n spezialisierte:n Therapeut:in mit ins Boot zu holen. „Auf der Internetseite der AG GGUP, das ist die Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie, gibt es eine „Therapeutenliste Beckenboden“. Dort kann man nach einer Expertin oder einem Experten in seiner Gegend suchen.“


4. Was ist beim Beckenbodentraining zu beachten?

Aus Sicht der Physiotherapeutin kommen mehrere Faktoren zum Tragen: „Zunächst einmal ist es wichtig, dass das Training richtig gemacht wird! Damit meine ich vor allem, dass genau die Muskulatur aktiviert wird, die auch trainiert werden soll. Das gilt natürlich für Prävention und Therapie gleichermaßen. Zudem sollte das Training auch wirklich indiziert, also angezeigt sein. Beispielsweise sollte man bei einer Hypertonie, einer zu hohen Muskelspannung in Ruhe, keine Kräftigungsübungen für den Beckenboden durchführen.“


Aber woher weiß man, ob man es richtig macht bzw. ob man vielleicht sogar die Beckenbodenkräftigung im Training vermeiden sollte?! Die Wahrnehmung bzw. das Gefühl für die innenliegende Muskulatur fällt vielen Frauen schwer. Selbst Hebammen oder Beckenbodentrainer:innen können nur bis zu einem bestimmten Grad sagen, dass an der richtigen Stelle korrekt und mit der richtigen Intensität gearbeitet wird.


Für Nina Gärtner-Tschacher liegt die Lösung auf der Hand: „Es ist entscheidend, dass zunächst die tatsächliche Beckenbodenaktivität und -funktion untersucht wird. Ein:e spezialisierte:r Physiotherapeut:in hat verschiedene Möglichkeiten, diese sichtbar und messbar zu machen: Zum Beispiel durch Ultraschall, Palpation und andere Biofeedbackmethoden. Häufig wird ein sogenannter „Beckenboden-Check“ von Spezialisten angeboten und umfasst in der Regel eine ausführliche Anamnese, die Untersuchung selbst und anschließende Handlungsempfehlungen. Das ist aus meiner Sicht der bestmögliche Ausgangspunkt für jegliches Training. Nach Rücksprache mit der Hebamme kann etwa 4-6 Wochen nach der Geburt der erste Check stattfinden. Optimalerweise sogar vor Beginn eines Rückbildungskurses, damit die Mama weiß, wie, wann und ob sie trainieren kann.“


Und wie sollte man dann trainieren?


Grundsätzlich, sagt sie, sei ein variantenreiches Training sinnvoll und auch wichtig. Es sollen Alltagsbelastungen nachgebildet und viele Positionswechsel eingebaut werden. Je nach Befund sollte die Anspannung vor und während einer Belastung, die Kraft, die Ausdauer oder auch die Entspannungsfähigkeit trainiert werden. Die Expertin geht auch auf das Thema Atmung als relevanter Faktor ein: "Für sämtliche Aktivitäten und Belastungen ist es wichtig, dass der Beckenboden funktionsfähig bleibt, ganz unabhängig von der Atmung, d.h. man sollte in der Lage sein, während Bewegung und Atmung die Beckenbodenspannung zu halten. Für den Trainingsverlauf heißt das konkret: Nicht ausschließlich mit der Ausatmung in die Anspannung gehen."

„Auch sollte man individuelle Wünsche und Ziele berücksichtigen.“, ergänzt die Expertin abschließend. „Wenn eine Mama z.B. schnellstmöglich wieder Tennis spielen möchte, sollte das Beckenbodentraining darauf abgestimmt sein.“


5. Wann sollen Mamas mit dem Beckenbodentraining beginnen?

„Früher als Frau vielleicht denkt!“, antwortet Nina Gärtner-Tschacher.

Sie erläutert, dass die Phasen der Wundheilung hierbei Berücksichtigung finden. „Ab Tag 6 nach der Geburt kann es theoretisch los gehen! Nach der anfänglichen Entzündungsphase ist es entscheidend, dass das Gewebe bestimmte physiologische Belastungsreize erhält, damit sich die Strukturen von Anfang an richtig organisieren. Hier sprechen wir aber nicht von einem umfangreichen und intensiven Trainingsprogramm. Das Ansteuern der Muskulatur, einfache Atem- und Wahrnehmungsübungen stehen hier im Vordergrund.“


Ein mehrwöchiger, methodisch aufgebauter Rückbildungskurs (wie z.B. Mamafitness Beckenbodentraining), welcher Wahrnehmung, Kräftigung und Entspannung des Beckenbodens fokussiert, wird im Allgemeinen nach 6-8 Wochen bei vaginaler Entbindung ohne Komplikationen, 8-10 Wochen nach einem Kaiserschnitt oder nach individueller Rücksprache mit Hebamme/Arzt:Ärztin/Therapeut:in empfohlen.


6. Kommt man mit smarten bzw. digitalen Trainingshilfen für zuhause auch zum gewünschten Erfolg?

Nina Gärtner-Tschacher „Aus meiner Sicht kann es zur Motivation beitragen. Manche Patient:innen mögen solche Spielchen. Das ist ok. Aber auch hier möchte ich darauf hinweisen, dass diese Geräte oftmals nur unzureichend messen, ob richtig trainiert wird. Deshalb empfehle ich vor der Nutzung solcher Trainingshilfen den bereits angesprochenen Beckenboden Check bei einem:r spezialisierten:r Therapeut:in.“

Auch von so genannten Konen für den Eigengebrauch rät die Beckenbodentherapeutin eher ab: „Es kommt häufig vor, dass solche Hilfsmittel zuhause einfach falsch zum Einsatz kommen: Beispielsweise, weil sie zu lange getragen werden. Ich rate deshalb immer zu fachkundiger Unterstützung!“


7. Ist Beckenbodentraining dann ein lebenslanger Begleiter?

Was diese Frage betrifft, scheint es auch in der Expertenwelt geteilte Ansichten zu geben: „Hierzu gibt es tatsächlich unterschiedliche Empfehlungen und auch keine soliden wissenschaftlichen Befunde. Die einen sagen, es sei ein tägliches Training von Nöten, das wie Zähneputzen in den Alltag einfließen sollte. Andere empfehlen, ein spezifisches Beckenbodentraining einzustellen, sobald ein Zustand ohne Beschwerden und die Automatisierung der Muskelfunktion wiederhergestellt sind.“


Gemeinsam kommen Nina Gärtner-Tschacher und ich zu dem Schluss, dass der präventive bzw. therapeutische Blick auf die individuelle Person entscheidend ist! Jede Mama bringt andere (körperliche) Voraussetzungen mit, hat eine andere Krankheitsgeschichte und auch unterschiedliche Wünsche und Ziele. Darauf sollte von allen Seiten Rücksicht genommen werden.


Und noch ein Tipp zum Schluss: Solltest du nochmal schwanger sein…


Viele Studien belegen einen positiven Einfluss von Beckenbodentraining bereits während der Schwangerschaft! Vielen Beschwerden, die während einer Schwangerschaft und nach der Geburt vorkommen, können so wirksam vorgebeugt werden. Außerdem kann durch die aktive Unterstützung eines trainierten Beckenbodens die Geburt selbst erleichtert werden.

Ein gutes Körperbewusstsein sowie passende Atemtechniken unterstützen dich ebenfalls während der Wehen, unter der Geburt und natürlich, darüber hinaus, dein Leben lang!

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